Spanien đŸ‡Ș🇾, Jakobsweg Camino Frances

Oktober 2019 – Die Saison ist rum und Pilgern steht auf dem Programm. Mein erster Pilgerweg ist erwĂ€hlt: Camino Frances der Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port an der französischen Grenze, nach Santiago di Compostela. Es war eine Hardcore Erfahrung fĂŒr mich, meinen Körper und ganz besonders und meine armen FĂŒsse. Ich die hochzeitplanende Schlappi-Frau, zu Fuß durch Nordspanien auf den Spuren des Heiligen Jacobus.

Hört sich blöd an aber der Weg hatte mich persönlich gerufen, immer wieder mal, lange Jahre. Daran hatte ich keine Zweifel. Und im Sommer 2019, hat er praktisch nach mir geschrien. Gute Zeiten mit meinen Hochzeitspaaren aber privat lief alles ziemlich aus dem Ruder. Ein Cut mußte sein, zur Ruhe kommen, Zeit nur fĂŒr mich, zum nachdenken, grĂŒbeln und um wieder nach Vorne blicken zu können. Im Oktober 2019 war es dann so weit, ich habe mich auf den Weg der Wege gemacht.

Zu Fuß von Sardinien, mit Pilgerpass und viel zu viel Zeugs in einem 13,5 kg schweren Rucksack. Sardinia to Santiago – von Sardinien nach Santiago de Compostela. Und nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kein Flieger fĂŒr mich, grĂŒner Fußabdruck und so.

Gefreut, gelacht, geheult, geflucht – aber nach meinen Kindern, das tollste Abenteuer meines Lebens. Der Weg meines Lebens. ÂĄBuen Camino! 👣

Knapp 1.000 km – der Camino Frances. Die nette Karte gibt es bei Ideas Peregrinas – online

Camino Frances 2019 👣👣

Mein Abenteuer beginnt am 21. Oktober, ich und mein roter Rucksack nehmen die NachtfĂ€hre um 22.00 Uhr von Porto Torres nach Genua. Ankunft dort, frĂŒh am nĂ€chsten Morgen und direkt weiter mit dem Zug die KĂŒste entlang nach Nizza. Der nĂ€chste Umstieg am Bahnhof dort in den Nachtbus nach Bordeaux, wo ich mit dem Sonnenaufgang eintreffe.
Um 9 Uhr geht’s weiter, der nĂ€chste Zug nach Gare de Bayonne und nun fahre ich fĂŒr zwei Stunden durch nordfranzösischen KĂŒstennebel. Leider, denn gerne hĂ€tte ich die Landschaft gesehen. Aber irgendwie spiegelt der Nebel den Zustand in meinem Kopf. Auch Bayonne liegt in dickem Nebel, die geplante Mittagspause dort erspare ich mir und nehme sofort den kleinen Bummelzug zum Tagesziel und dem Startpunkt meines Jakobsweges, Saint-Jean-Pied-de-Port, in den französischen PyrenĂ€en im wilden Baskenland. Mehr ĂŒber Saint-Jean-Pied-de-Port bei Wikipedia

Saint-Jean-Pied-de-Port

Schon die Fahrt mit dem Bummelzug nach Saint-Jean entfĂŒhrt mich in eine andere Welt. Die wissen warum sie im Zug große Panoramafenster eingebaut haben, denn die Landschaft ist umwerfend schön. Der Nebel verschwindet und stets entlang an einem kleinen glasklaren Fluss, tauche ich ein in diese saftig-grĂŒne Berg– und HĂŒgellandschaft. Wie in einem MĂ€rchen empfinde ich dieses GrĂŒn, so ganz der Gegensatz zum vertrocknet gelben Sardinien, nach einem langen heißen Sommer.

Im Zug sind nun endlich auch die ersten anderen Pilger zu sehen. Ich bin wohl der einzige Jakobsweg-Newbie, denn die GesprÀchsfetzen die ich mitbekomme handeln von vergangen, gelaufenen Jakobswegen. Ich enthalte mich und bestaune weiter diese Traumlandschaft.

Vom Bahnhof in Saint-Jean angekommen folge ich den Profi-Pilgern in den mittelalterlichen Dorfkern, dort habe ich bei Esteban in seinem alten Fachwerkhaus mein schnuckeliges Zimmer mit Prinzessinenbett fĂŒr die Nacht reserviert. Es ist Mittag, ich habe Hunger und so kehre ich vorher noch im erst Restaurant auf dem Weg dorthin ein. Und hier gibt es dann mein erstes echtes (extrem köstliches) PilgermenĂŒ fĂŒr 12,– Euro inklusive GetrĂ€nke. Feine Sache. Es ist der 23.10.2019 – morgen gehts los.

Saint-Jean ist ein sehr sehr niedliches Dorf und absolut einen Besuch wert, gleiches gilt fĂŒr mein Zimmer bei Esteban. Sein Haus liegt direkt am Jakobsweg und mein Zimmer hat Ausblick auf den Pilgerkrimskramsladen direkt gegenĂŒber, wo ich mir auch den meinen (obligatorischen) Pilgerstock besorge. Das muß sein.

Am Nachmittag steht der Besuch im PilgerbĂŒro an. Ich werde registriert, bekomme von der freundlichen Dame meinen ersten echten Stempel in meinen Pilgerausweis und allerlei Infomaterial fĂŒr meinen Weg nach Santiago. Morgen ist der letzte Tag, an dem auch der berĂŒchtigte knapp 1.100 m hohe Ibañeta-Pass, hoch oben in den Bergen der PyrenĂ€en noch geöffnet ist, die Route Napoleon. Das Wetter wird jetzt Ende Oktober zu unberechenbar und fĂŒr die Überquerung zu gefĂ€hrlich. Schon viele Pilger haben sich da oben verirrt und viele ihr Leben gelassen. Ich freu mich, dass ich noch ĂŒber den Pass laufen darf.

Am Abend besuche ich dann noch die Pilgermesse in der kleinen Kirche Notre-Dame-du-Boût-du-Pont, stecke meine Kerzen und meine Gedanken zu den anderen. Irgendwie kehrt in mir Ruhe ein. Es wird dunkel, ich gehe in meine Unterkunft, falle in mein feudales Bett und schlafe ziemlich schnell ein.

Die Etappen

24.03. Saint-Jean-Pied-de Port nach Ronchesvalles 27 km

Um sechs Uhr morgens weckt mich ein Toc Toc auf der Straße, das auf meinem Weg ein stĂ€ndiger Begleiter wird. Unter meinem Zimmerfenster wandert der erste Pilger Richtung Ortsausgang. Sein Pilgerstock klackt im Takt seiner Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Ich packe meinen Rucksack und lasse mich in der großen gemĂŒtlichen KĂŒche bei Esteban noch mit Kaffee und FrĂŒhstĂŒck verwöhnen. Danach geht es auch fĂŒr mich los.

Durch das Dorf, den Berg hinab hole ich mir zuerst bei der BĂ€ckersfrau meinen Proviant. Meine FĂŒsse folgen wie in Trance, dem Kopfsteinpflaster durch das Dorf, dann ĂŒber den kleinen Fluss Nive und jetzt wird’s ernst. Die Wegzeichen des Jakobsweges tauchen auf. Die Muschelschale und der gelbe Pfeil, sie werden meine Wegzeiger nach Santiago di Compostela, die nĂ€chsten 900 km oder so.

Bald steigt der Weg an, stetig. Habe ich die ersten 2 – 3 km noch keine Zweifel, dass ich das alles schaffen werde sinkt mein Mut schon nach dem nĂ€chsten Anstieg, der wieder steiler ist als der vorherige. Kurve – Anstieg – Kurve – Anstieg, so wiederholt sich das. Kilometer um Kilometer, gefĂŒhlt Meter um Meter. Meine Oberschenkelmuskeln verkrampfen. Hab ich Magnesiumtabletten dabei? Und war es im Tal noch einigermassen ertrĂ€glich warm, setzt an der Kreuzung zur Passstraße jetzt auch noch Nieselregen ein. Der erste Einsatz fĂŒr mein Regencape steht an und wĂ€hrend ich versuche mir das flott ĂŒberzuziehen, ĂŒberholt mich laut schwatzend eine, im Gegensatz zu mir, quicklebendige Pilgertruppe. Ein Pilger ist tatsĂ€chlich mit offenen Wandersandalen ohne Socken unterwegs. Luft- und Kraftlos folge ich der Truppe in meinem Schneckentempo hinterher.

Irgendwann auf ca. 900 Höhenmetern und nach gefĂŒhlt tausend Kilometern ĂŒberquere ich am Bentarte-Pass, die Grenze nach Spanien. Pilger ĂŒberholen mich stĂ€ndig und nach jeder Kurve folgt wieder ein neuer Anstieg. Das Nervt. Zwei Hirtenhunde ziehen mit einer Schafherde an mir vorbei, nie habe ich so riesige Glocken an den kleinen Tieren gesehen. Meine Finger sind eingefroren und klamm, BĂ€ume gibts hier keine mehr. Es ist zu hoch, es gibt nur noch grĂŒne Wiesen durch die sich der Weg, soweit das Auge reicht, bergauf schlĂ€ngelt.

Irgendwann hab auch ich den höchsten Punkt ĂŒberwunden, der Weg ist durch den Nieselregen komplett aufgeweicht und am geschichtstrĂ€chtigen Rolandsbrunnen ist das Schlimmste wohl geschafft. Hier muß ich eine immens große MatschpfĂŒtze am rechten Rand umgehen, neben mir geht es steil bergab. Mitten in der PfĂŒtze sehe ich aber die Hacke einer Wandersandale aus dem Schlamm ragen und frage mich, wie der Besitzer hier wohl weitergekommen ist. Der SandalentrĂ€ger ist aber weit und breit nicht zu sehen ist, er wird eine Lösung gefunden haben.

So steil wie es vorher bergauf ging, geht es jetzt bergab. Die Wiesen werden rar, herbstlich bunte LaubwĂ€lder schĂŒtzen mich jetzt zumindest ein wenig vor dem immer noch nieselnden kalten Nieselregen. Der Weg ist oft rutschig und steil, nicht immer gut gekennzeichnet und jetzt endlich der erste Mal an diesem Tag hole ich ein paar Pilgerinnen ein. FĂŒr den weiteren Abstieg schließe ich mich gerne an, denn es tut gut ein wenig zu reden. Alle sind ziemlich kaputt, meine Beine zittern und sind so kraftlos wie nie. Nach irgendeiner Biegung dann, sehen wir das Ziel des Tages, die Klosteranlage von Roncesvalles. Im Jahr 1132 durch den Bischof von Pamplona gegrĂŒndet, war ist sie immer schon wichtige Station zur Einkehr fĂŒr die mĂŒden Pilger. Die Anlage ist toll renoviert und trotz der imposanten GrĂ¶ĂŸe gut geheizt und kuschelig warm.

Ich bekomme von den netten Gastgebern ein Bett im Schlafsaal zugewiesen um 22.00 Uhr ist Zapfenstreich. Ich genehmige mir eine heiße Dusche und beziehe meine Koje. Danach ein mĂ€ssig gutes Abendessen. Doch der krönende Abschluss des Tages ist die Pilgermesse in der Iglesia Colegial de Santa MarĂ­a, im Anschluß eine FĂŒhrung durch die prĂ€chtige Kirche, die Katakomben und die Klosteranlage durch einen sehr netten Klosterbruder, der uns die wunderbare Akustik im Königsgrab singend vorfĂŒhrt.

ZurĂŒck im Schlafsaal zĂ€hle und versorge noch die Blasen an meinen armen FĂŒssen, wie erschlagen falle ich in einen tiefen Schlaf. Buona notte.

Man sagt, der erste Tag auf dem Jakobsweg beginnt wie das Leben: Man wird schmerzlich hinein geboren.

Fortsetzung folgt..

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Spanien, Sevilla đŸ‡Ș🇾

Ich sitze am Ufer des Flusses mit dem fĂŒr mich unaussprechlichen Namen: Guadalquivir. Am Nachmittag liegt die Seite des Stadtteils Triana im Schatten und bin tatsĂ€chlich froh noch nicht auf der Via de la Plata, meinem Pilgerweg zu sein. Nach all den Jahren gemĂŒtlichem sardischen Landleben habe ich mir ein paar Tage quirlige Stadt angetan und streife zu Fuß durch das schöne Sevilla.

In Sevilla startet einer der schönsten Pilgerwege Europas: die Via del la Plata. Eine alte Römerstraße die von Cadiz ĂŒber Sevilia bis nach Santiago die Compostela durch einige sehenswerte spanische StĂ€dte fĂŒhrt. Sie ist eine, wenn nicht DIE große Kulturstrasse Europas und heute ist mein vierter Tag in Sevilla.

Es ist Anfang Oktober und heute ist das Thermometer auf ĂŒber 34° gestiegen, ich mag die große Hitze nicht, bin froh dass ich mich nicht auf dem Weg bin. So genieße ich meine Auszeit mit Stadtbummel, leckerem Essen und jetzt ein paar Churros, die ich mir auf dem Weg zum Fluss gekauft hatte. Ein SpritzgebĂ€ck aus Brandteig, das wird hier an vielen Ecken frisch gemacht.

Sevilla

Die Hauptstadt Andalusiens soll eine der schönsten StĂ€dte der Welt sein. Da ich nicht viele StĂ€dte kenne und ich eigentlich auch kein Fan der StĂ€dte bin, ist Sevilla eine positive Überraschung. Viel grĂŒn und BĂ€ume, wenig Autos in der Innenstadt, dafĂŒr mehr FußgĂ€nger, FahrrĂ€der, Roller und Pferdekutschen. Entsprechend wenig stinkt es nach Abgasen. Das ist sehr erfreulich.

Vor meiner Reise habe ich in den Karten gestöbert und gesehen, dass sich hier eine SehenswĂŒrdigkeit an die andere reiht, Museen, Kirchen, Parks und Schlösser. Also werde ich viele nette Dinge entdecken können. Außerdem hab ich vom Weg vom Bahnhof zum Hostel viele Bars und Restaurants entdeckt. FĂŒr das leibliche Wohl ist also auch gesorgt.

Bis ins letzte Detail exakt Planen ist in meinem Job als Wedding Planerin ja unumgĂ€nglich, also vermeide das im Urlaub. Es nervt mich und so lasse ich mich in meine Tage hier treiben. Losziehen, wohin mich meine FĂŒĂŸe tragen.

Die Kathedrale von Sevilla

Tag 1 – Kathedrale, Giralda und Alcazar

Direkt am ersten Tag fĂŒhrt mich mein Weg auf dem Platz der großen Kathedrale von Sevilla, daneben La Giralda, dem Glockenturm. Direkt in der NĂ€he, an einer imposanten Steinmauer und die Puerta del Leon der Eingang in den Real Alcazar, dem Königspalast im maurischen Stil. Jetzt im Oktober und zur ersten Öffnungszeit um 9.30 Uhr ist nicht viel los.

MĂ€rchenhafte GĂ€rten, große und kleine Innenhöfe, mit Mosaiken, Gold und Silber verzierte SĂ€le. Ja, das hat sich gelohnt. Gegen 11 wird es voll und ich flĂŒchte. Infos und Tickets auf der offiziellen Webseite:

Fortsetzung folgt
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Deutschland, Ostfriesland

August 2021, Sardinien ist voll, viel zu voll dieses Jahr. Es scheint als wĂ€re die ganze Welt unterwegs, um sich auf Sardinien in den Ferien zu vereinen. Die FĂ€hren die morgens in Olbia landen, haben bis unter das Schiffsdach frischen Touristen an Bord. Wie Sardinien, quellen und schwappen sie aus den SchiffsrĂŒmpfen in die Straßen. Die StrĂ€nde meiner Lieblingsinsel sind ĂŒber und ĂŒber besetzt, mit Menschen, Sonnenschirmen, Liegen und BadehandtĂŒchern. Jeder Quadratzentimeter wird genutzt, ein Handtuch neben dem anderen. Ich flĂŒchte: nach Ostfriesland.

Wieder ist es Hochsaison und wieder ist es schrecklich. Auf dem ansonsten traumhaft sauberen Meerwasser, an den schönen ex-sauberen StrĂ€nden an der Costa Smeralda, schwimmt jetzt ein öliger Film. Ein Mix aus Sonnencreme, Bootsöl und dem Abwasser der Superyachten, die eine neben der anderen in den Buchten parken. Die LĂ€den sind voll mit lauten, badebeschlappten Menschen in knapper Strandkleidung. Auf den Straßen kloppen sich Touristen um den besten Platz im Stau. Ein unglaublicher fast unbeschreiblicher Horror fĂŒr all diejenigen, die das besonnene Inselleben des restlichen Jahres kennen und lieben.

Sardinien ist und war im August schon immer Ausnahmezustand. Teils verstĂ€ndlich, denn die Italiener haben nun einmal nur im August die Möglichkeit den wohlverdienten Jahresurlaub zu nehmen. Rund um den 15. August (FerragostoMaria Himmelfahrt) heißt es in der italienischen Arbeitswelt: alles zu, Firmen zu, Schulen zu und die Behörden arbeiten nur im Notbetrieb. Ist es jedes Jahr schon voll, dieses Corona Jahr ist noch mal voller. Schon Mitte Juli hat sich das angebahnt, so viele Menschen mehr als sonst. Ich wage mich noch nicht einmal mehr an den Strand, der ist ein bisschen eklig gerade, schmutzig und laut. Mitte August gebe ich auf, ich ertrage das nicht mehr, packe mein Auto, den Hund, drĂŒcke die Cats meiner herzallerliebsten Nachbarin zur Verpflegung auf’s Auge und mache mich auf den Weg in die alte Heimat. Good old Germany – Sardinia to Ostfriesland. Nie zog es mich mehr zurĂŒck. Jetzt ist die Zeit, die Familie zu besuchen, Matjes essen, ĂŒberhaupt gutes Deutsches Zeug essen, im grĂŒnen Gras im Regen stehen, alles in der Hoffnung auf weniger Menschen.

Mein Reisebericht

Ich nehme die NachtfĂ€hre von Olbia nach Genua. Am nĂ€chsten Tag dann weiter Richtung Schweiz und immer weiter hinauf Richtung Norden. Von Genua in Richtung Schweiz lĂ€uft alles gut an. In zweieinhalb Stunden, vorbei an Mailand erreichen wir die Grenze. Doch statt hier dem klugen Rat meiner Freundin BĂ€rbel zu folgen und die Route ĂŒber den San Bernardino zu nehmen (etwas lĂ€nger), fahre ich Richtung Gotthard Tunnel. Fehler, Fehler, Fehler, wie doof von mir, denn statt der gemĂŒtlichen Fahrt durch imposante Berge, zwischen WasserfĂ€llen und klaren BergfĂŒssen, beglĂŒcken die Eidgenossen die Durchfahrenden zuerst mit 40 Euro AutobahngebĂŒhr und im Anschluß mit Pausen, Zwangspausen. Denn in Richtung Gotthard gibt es alle paar Kilometer Ampeln auf der Autobahn, ja Ampeln!! So wird der bis dahin flĂŒssig laufende Verkehr erst zĂ€hfliessend, um wenig spĂ€ter ganz zum Stillstand zu kommen. Stau, immer wieder Stau vor irgendeiner Ampel, auf der gesamten Strecke bis hinter den Tunnel. Unter heißer Schweizer Sonne benötigen wir so fĂŒr 270 Fahrtkilometer ziemlich genau 6 Stunden. In Zukunft höre ich auf BĂ€rbel.

Dann irgendwann sind wir doch in Deutschland. Haben sehr viel Zeit verloren, können aber jetzt ein wenig aufholen. Bis Mönchengladbach zur kleinen Schwester geht es heute. Pause und morgen dann weiter.

Moers

Nach einer guten Nacht geht es erst mal nach Moers. Als Kind war ich oft in Moers. Mit den Großeltern bei einer Tante in ihrer stillen Wohnung zu Kaffee und Kuchen. Moers hatte ich wohl deshalb irgendwie Trist in Erinnerung. Kleine geduckte graue HĂ€user, eine kleine Wohnung in der die Wanduhr langsam tickte, in der die Nachmittage nie vergingen weil die Zeit stillzustehen schien. Die Stadt habe ich damals nie gesehen.

Auf meiner Weiterreise in den hohen Norden, der nĂ€chste Familiengruß bei meiner Cousine und Moers ĂŒberrascht mich: das StĂ€dtchen ist wirklich nett, hat eine zuckersĂŒĂŸe Innenstadt. Eine nette Piazza, niedliche GeschĂ€fte, schön renovierte HĂ€user und dann eben noch diese irische Bar. Neben einer tollen Speisekarte probiere ich heute das erste mal Fish und Chips. Lecker. Der Fisch ist superfrisch, die Chips knackig, die Saucen allerfeinst. Eine tolle Überraschung. GestĂ€rkt gehts weiter in den Norden.

Tipp âžĄïž The Fiddlers Irish Pub, Kastell 1, Moers

Westoverledigen

Kennt hier sonstnochwer Westoverledigen? Die Gemeinde steht als nĂ€chste Etappe auf meinem Reiseprogramm. Hoch im Norden, fast an der Nordsee und mein Ziel fĂŒr ein paar Tage Auszeit. Ich freue mich, denn viele Jahre sind ins Land gegangen, seit ich Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins das letzte Mal gesehen habe.

Westoverledingen ist eine kleine, knapp 22.000 Einwohner starke Gemeinde zwischen Leer und Papenburg im platten Land, Ostfriesland. Im Westen begrenzt vom Fluss Ems und im Norden von der Leda sind wir hier eine knappe halbe Stunde vom Meer, der Nordsee weg. Ich mochte schon als Kind hier alles. HĂŒbsche rote BacksteinhĂ€user, viel Land um alten BauernhĂ€uschen, die klein und geduckt einen sehr gemĂŒtlichen Eindruck machen. Vor 22 Jahren war ich das letzte mal hier und viele neue HĂ€user sind dazugekommen. Trotzdem ist es immer noch gemĂŒtlich und ruhig. So sehr genieße ich das, das sattgrĂŒne Land, seine gepflasterten schnurgeraden Alleen und Rehe, die frĂŒhmorgens von einem Feld ins nĂ€chste wechseln. Das Wetter ist Göttlich, die ersten Tage echtes friesisches Schietwetter: Nieselregen, Wolken aber um die 20 Grad. Nach so vielen Jahren unter heißer Mittelmeersonne ist das eine tolle Abwechslung.

Mein Programm fĂŒr die nĂ€chsten Tage klein, knackig und schwerpunktmĂ€ĂŸig auch langvermisste Leckereien ausgelegt: Frischer Matjes mit Zwiebeln, Fisch ĂŒberhaupt, Krabben, Frikadellen & Hausmannskost bei Lukkies. Ach ja, das Meer sehen auch.

Greetsiel – Tag 2

Der Tag ist wolkenverhangen und ein feiner Regen nieselt ab und an aus den grauen Wolken. Der erste Ausflug ist Pflichtprogramm, die Nordsee muß es sein. Wir fahren in das malerische StĂ€dtchen Greetsiel. Das Wetter hat nicht viele verschreckt. Es ist ziemlich viel los (aber kein Vergleich mit Sardinien), Menschen, Hunde, Camper und Kinder die im Bollerwagen durch die Gassen gezogen werden. Kleine und große BacksteinhĂ€user und HĂ€uschen aus dem 18. Jahrhundert, alles total entzĂŒckend. Bunte Fischerboote im Hafen, Eisdielen, Restaurants, Mitbringselshops, Bars und Kneipen an der Promenade auf der Menschen Richtung Deich flanieren oder radeln.

Tipp âžĄïž fangfrischer und gerĂ€ucherter Fisch, frisch gepulte Nordseekrabben: Fischverkauf & Verköstigung Fischrestaurant de Beer etwas außerhalb von Greetsiel.

Norddeich – Tag 3

Noch mehr Meer am nĂ€chsten Tag. Ich wollte Watt und ein mal wieder im Wattschlamm stehen, die Ebbe sehen. Aber wir sind zu spĂ€t dran. Als wir in Norddeich ankommen ist mit uns auch die Flut aufgelaufen. Hier gehen jetzt die FĂ€hren nach Norderney und so sind auch hier wieder einiges los. Die Promenade wird derzeit renoviert und scheint nett zu werden. So schließen uns dem Strom der Touristen in Laufrichtung an und folgen der Strandpromenade, die wenig Strand dafĂŒr mehr Beton hat. Schade, aber die Nordsee ist wild und das Land von der Natur geborgt. Der KĂŒstenschutz fĂŒr die Menschen hier wichtig. Am Ende finde ich doch noch ein kleines StĂŒckchen Watt fĂŒr mich. Schuhe aus und rein. Beim nĂ€chsten mal, im nĂ€chsten Jahr steht eine Wattwanderung auf dem Programm, fĂŒr meine Bucket List.

Bei Kaffee und Kakao genießen wir dann noch das Treiben der Menschen, die dunklen Wolken, die Möwen und das Wetter im Haus des Gastes.

Papenburg – Tag 5

Am vierten Tag lĂ€sst sich nun auch in Ostfriesland wieder mal die Sonne blicken. Wir radeln heute. Ostfriesland ist Land der FahrrĂ€der, unĂŒbersehbar. Fast alles radelt, ohne und mit e-UnterstĂŒtzung. Fahrradwege gibts ĂŒberall. Von Westoverledingen fahren wir durch Felder, Alleen, Wiesen, Parks und WĂ€lder Papenburg entgegen, mein Cousin fĂŒhrt zackig unsere Truppe an, ich verliere die Orientierung. Bei der bekannten Meyer Werft, bin ich wieder dabei.

Die Meyer Werft ist, mitten im Land, eigenartigerweise eine der großen Schiffswerften der Welt. Werden dort, nach monatelanger Bauzeit die fertigen Ozeanriesen ĂŒber die Ems in das Meer ĂŒberfĂŒhrt, gibts Konzert und viel TamTam und viel Spektakel. Tausende Besucher stehen dann auf dem Deich am Fluss und bestaunen die Zentimeterarbeit von KapitĂ€n und Begleitbooten. Mit Kussmund und blauen Augen steht jetzt die, die fast fertige Aida Cosma in der Werft und wartet auf ihre erste Kreuzfahrt in eines der Meere dieser Welt. FĂŒr Besucher gibt es interessante Werftbesichtigungen, die Termine könnten auf der Internetseite gebucht werden.

Werftbesichtigung, Info’s und ÜberfĂŒhrungsdaten findet Ihr auf der Webseite der Meyer Werft

FĂŒr uns gehts weiter mit dem Rad, bis zum Weiher des Stadtparks von Papenburg. In der Sonne genießen wir ein alkoholfreies Radler und beobachten Menschen und Wasservögel.

Abends gibt es Krabbensalat aus Nordseekrabben, die eigentlich keine Krabben, sondern Garnelen sind (hier darf man sie aber so nennen). Der Salat, made by Lukki ist lecker lecker und schmeckt wie frĂŒher. Viele Tausend Tonnen Krabben werden jĂ€hrlich aus der Nordsee gefischt und noch an Bord der Kutter gekocht. Die meisten gehen danach zur Weiterverarbeitung (das pulen, also dem schĂ€len) ins Ausland um wieder importiert zu werden. Was fĂŒr ein heilloser Quatsch aber keiner will den Job mehr tun. Wir achten darauf, uns in der Heimat gepulte Krabben zu besorgen.

Tja, Tag 6 nun geht’s zurĂŒck fĂŒr mich. Deshalb schließe ich hier meinen kleinen Bericht. Ich bin mir sicher, dass ich den sardischen August im nĂ€chsten Jahr auf jeden Fall woanders verbringe und Westoverledingen in Ostfriesland ist eine Etappe fĂŒr meine Sommerpause von Sardinien.

Ich wĂŒnsch Euch was..

Eure Anja

Noch ein paar Tipps zum Radeln in Ostfriesland.

Radfahren in Ostfriesland

Ostfriesland hat auf ĂŒber 3.500 km ein tolles Radwegenetz ausgearbeitet. FĂŒnf Themenrouten laden zu Mehrtagestouren ein.

  • Ammerlandroute
  • Deutsche Fehnroute 
  • Friesenroute Rad up Pad 
  • Internationale Dollard Route 
  • Tour de Fries

Die Mehrtages oder auch Tagestouren könnt Ihr auf der Seite Ostfriesland.travel downloaden, oder ausarbeiten. Auch gibt es dort eine App, die Euch durch das platte Land fĂŒhrt. Wer es lieber auf Papier mag, kann beim ADFC eine Tourenkarte ordern.

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